Familien => Staat = Familie(n)staat

Familien => Staat = Familie(n)staat

Der berühmte dänische Familientherapeut Jesper Juul zeigt in seinem Buch „Das kompetente Kind“[1], wie Familie als Machtstruktur konzipiert und gelebt wurde, was bis jetzt nicht nur unsere familiären Beziehungen, sondern auch die gesamte Gesellschaftsordnung durch tiefe, archaische Strömungen des Unbewussten prägt. Bei der Lektüre wurde mir der Zusammenhang bewusst, dass das, was für Kinder ihre Eltern sind, später für Bürger der Staat wird. Der Staat bietet für Bürger eine Projektionsfläche, auf der sie sich in ihrer frühen Beziehung zu den Eltern erneut erleben, mit dem (ir)rationalen Sinn dahinter, unbewusste Themen und Konflikte nun bewusst zu erleben und so zu transformieren. Diese Chance wird gleichermaßen auch den Machthabern, den großen Staatsmännern und -frauen geschenkt, die ebenfalls oft (meist?) in denselben unbewussten Rollenspielen und Beziehungsdramen stecken.

Ich möchte den Fokus auf einige Punkte lenken, die aus meiner Sicht das Fundament des hierarchischen Denkens schlechthin darstellen und sich in vielerlei Ausprägungen sowohl bei Familie als auch eben bei Staat einschleichen. Es sind sehr archaische Muster, die die Interaktion zwischen Eltern/Staat zu Kindern/Bürgern bestimmen. Wollen wir also eine bessere, erneuerte Welt, geht es – wie ich das sehe – darum, diese Muster im eigenen Leben zu durchschauen und aus ihnen auszusteigen, um sie nicht mehr zu bedienen. Mit der Zeit würde sich – so meine Überzeugung – eine geklärte, bewusstere Beziehung zwischen Eltern/Staat zu Kindern/Bürgern etablieren, bei der der Machtanspruch der Liebe den Platz räumt.

#1 nach Macht streben

groß und in seiner Kraft

Sowohl die Familie als auch der Staat waren (und sind immer noch mehr oder weniger) auf einer klaren Machthierarchie aufgebaut. Der Stärkste (früher tatsächlich ein Mann, heute auch eine männliche Frau..) im Sinne von der/die dominanteste hat Macht:

„Über Jahrhunderte hin haben Familien als Machtstruktur existiert, innerhalb deren die Männer über Frauen Macht hatten und die Erwachsenen über die Kinder. Diese Macht war umfassend und bezog sowohl die soziale wie auch die politische und psychische Ebene ein. Die Rangordnung in der Familie wurde nicht hinterfragt: Erst kam der Mann, dann die Frau – wenn es keine halbwüchsigen männlichen Kinder  gab –, dann die Jungen und zum Schluß die Mädchen. Eine gelungene Ehe beruhte auf der Fähigkeit und dem Willen der Frau, sich dem Mann unterzuordnen, und die Kindererziehung hatte klar zum Ziel, daß die Kinder lernten, sich anzupassen, und denen, die die Macht hatten, zu gehorchen.“ (Juul 2002: 20) (Hervorgehoben von mir)

Da davon automatisch ausgegangen wurde, dass Machtstrukturen Stabilität und Ordnung verkörpern, wurden Kinder/Bürger im Glauben gehalten, „daß es das beste für alle Beteiligten sei, die Machtstrukturen zu erhalten“ (Juul 2002: 25).

Macht wurde in falscher Annahme eingesetzt, nämlich dass Kinder/Bürger ansonsten nicht kooperierten. Doch Kinder kooperieren nach Jespers Juul immer. Wenn Eltern/Staat ihre Macht nicht missbrauchten, würden Kinder/Bürger von sich aus und sehr gern kooperieren. Gehorchen zu müssen vergiftet hingegen eine Beziehung, „(w)eil es unwürdig und kränkend ist, wenn man auf Kommando gehorchen soll, wo man doch nur zu gern kooperieren will“ (Juul 2002: 83).

#2 Freiheit einschränken

Physische Gewalt, psychische Gewalt, manipulative Gewalt.. Offensichtlich totalitäre Eltern/Staaten sind heutzutage nicht populär, doch umso mehr wird die Freiheit manipulativ eingeschränkt:

„Die Machtstruktur der Familie war totalitär, und mangelnder Fähigkeit oder fehlendem Willen zur Zusammenarbeit wurde logischerweise mit physischer Gewalt und/ oder Einschränkungen der von vornherein begrenzten persönlichen Freiheit entgegengetreten.“ (Juul 2002: 21) (Hervorhegoben von mir)

Dieser Trend zeigte sich jetzt in den drastischen aus meiner Sicht Corona-Maßnahmen, wenn Bürger/Kinder durch die Massenmedien angeleitet wurden, von allein eigene Freiheit einzuschränken. Wie gut der über Jahrtausende geübte Gehorsam gegenüber Eltern/Staat funktioniert, zeigt gut der Alltag: Menschen sind nicht selten auch dort bereit, ihre Bewegungs- bzw. Atemfreiheit einzuschränken, wo das niemand von ihnen fordert. Sie wollen sich auf diese Weise als besonders kooperativ, erweisen und bedienen so das Muster eines angepassten, braven Kinds.

#3 Ein Bild nach außen erzeugen

Zwecks eines guten Bilds nach außen lautete über Jahrhunderte das ungeschriebene Gesetz: „keine offenen Konflikte“ wagen (Juul 2002: 21). Ein gutes Bild nach außen bedeutete auch, ´unbequeme´ oder ´unpassende´ Anteile zu verstecken. So garantierten festgelegte Normen und etablierte Rituale einen ´sicheren´ Kommunikationsablauf: „Kinder sollten eben nicht sie selbst sein. Sie sollten „sich aufführen“, genau wie man ein Schauspiel aufführt (…)“ (Juul 2002: 31)

#4 Gleichwertigkeit verneinen

Es wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass Kinder/Bürger wild, asozial und tierisch von Natur aus sind, „eine Art potentiell asozialer Halbmenschen“ (Juul 2002: 11). Damit wurde Erziehung legitimiert. Besonders dann, wenn sie nicht gehorchten, wurden sie für „beschwerliche Untergebene“ (Juul 2002: 24) gehalten, um Maßnahmen zu ihrer Kontrolle zu ergreifen. Dazu wurden sie häufig durch Ausschluss und Nicht-Zugehörigkeit bestraft. Sie waren keine ebenbürtigen Akteure, sondern diejenigen, die sich in eine ihnen zugewiesene Funktion fügen mussten. So beschränkte sich die Funktion der Bürger im Neoliberalismus allein auf die Wählerrolle (siehe dazu Vortrag von Rainer Mausfeld https://www.youtube.com/watch?v=-kLzmatet8w&t=2329s).

Dabei sind Kinder „von Geburt an sozial und menschlich, und um diese Qualitäten weiterzuentwickeln, müssen sie mit Erwachsenen zusammensein, die sozial und menschlich handeln.“ (Juul 2002: 23). Genau das aber war nicht der Fall.

#5 Grenzen anderen statt sich selbst setzen

Der Umgang mit Grenzen wurde umgekehrt: Statt „für sich Grenzen zu setzen“ (Juul 2002: 219), wurden Kinder/Bürger begrenzt:

„Anderen Grenzen zu setzen ist (…) in erster Linie ein Ausdruck von Macht.“ (Juul 2002: 26)

„Innerhalb einer Machtstruktur müssen notwendigerweise Gesetz und Ordnung herrschen, also müssen der körperlichen, geistigen und emotionalen Entfaltung der Kinder(/Bürger) Grenzen gesetzt werden. Die Grenzen – was die Kinder(/Bürger) müssen und nicht müssen, sollen und nicht sollen, dürfen und nicht dürfen – waren eine Art familiärer Polizeiordnung“ (Juul 2002: 25)

#6 Kinder/Bürger mit Schuld beladen

Wenn Kinder/Bürger nicht gehorchten und sich nicht in den ihnen zugewiesenen Raum fügten, wurden sie bestraft, physisch oder psychisch. Um keine Verantwortung für eigene Gewalt zu übernehmen, wurde die Strafe für Vorteil ausgegeben: „Es ist zu deinem eigenen Besten!“ (Juul 2002: 28). So leugneten Eltern/Staat die Verantwortung für ihr eigenes Tun und ließen Kinder/Bürger im Glauben zurück, schuldig oder verkehrt zu sein (Juul 2002: 29). So mussten sich Kinder/Bürger noch sogar dafür entschuldigen, dass ihnen Gewalt zugefügt wurde. Denn Eltern/Staat handelten nach dem Motto: „Dass ich dich schlage, ist deine eigene Schuld!“ (Juul 2002: 127). Zudem wurden Kinder/Bürger einer weiteren massiven Inkohärenz ausgesetzt, denn sie waren auch diejenigen, die verzeihen mussten. Im gleichen Atemzug wurden sie durch Schuld kleingemacht („Ich bin schuldig und muss mich entschuldigen“) und durch den Akt des Verzeihens großgemacht („Ich bin die/der, die/der die Macht hat zu verzeihen“).

Dabei ist die Destruktivität der Kinder die Folge der Destruktivität von Eltern/Staat: „Kinder/(Bürger) werden destruktiv, wenn einer oder mehrere Erwachsene ihrer Umgebung ihre Integrität verletzen – verbal oder physisch oder beides“ (Juul 2002: 87). Adäquat wäre, dass sie dafür auch Verantwortung übernähmen, statt diese zu leugnen. Ansonsten bleiben Kinder/Bürger im Gefühl zurück, verkehrt zu sein (Juul 2002: 57). Aus diesem Gefühl der Schuld entwickelt sich potentiell eine übertriebene Anpassung oder – der Gegenpol – Aggression (Juul 2002: 116).

#7 Angst statt Respekt

(Potentielle) Strafen haben bei Kindern/Bürgern Angst erzeugt. Wer zieht sich schon nicht bei Aussicht auf physische oder psychische Verletzung zusammen?.. Und Angst vor Eltern/Staat war und ist immer noch üblich. Und wo Angst ist, kann es keinen Respekt geben: „Kinder erlernten nicht Respekt für das Menschliche im Menschen, sondern lernten Angst vor der Macht.“ (Juul 2002: 218). Doch ohne Respekt stellt sich über früher oder später – auch beim Täter – ein Zustand der Selbstverachtung ein (Juul 2002: 132). Aus diesem Zustand heraus entsteht potentiell ein neuer Teufelskreis der Gewalt. Auch stellt sich eine Art kollektiver Täuschung ein, wenn Schuld dafür wieder den Kindern/Bürgern in die Schuhe geschoben wird. Dies ist nach Juul regelmäßig der Fall, wenn in der Politik härtere Strafen für gewalttätige Kinder/Bürger gefordert werden, anstatt für Gewalt diejenigen verantwortlich zu machen, die es de facto sind: Eltern/Staat sowie andere Mächtige auf verschiedenen Hierarchiestufen. Und das ist mit Juul nicht nur absurd, – „das ist irgendwie genauso verantwortungsvoll und genial, als wenn (Politiker) vorschlagen würden, die Haushaltsdefizite der Staaten durch das Monopolygeld der Kinder auszugleichen.“ (Juul 2002: 132f.).

Eine persönliche Notiz zum Schluss

Ich bin in der ehemaligen Sowjetunion (Ukraine) aufgewachsen und durfte staatliche Willkür ´an eigener Haut´ erleben. In meinem Studium bin ich nach Deutschland in der Hoffnung gekommen, dass hier das hierarchische Denken einer größeren, umfassenderen Freiheit den Platz geräumt hat. Doch auch hier ist das hierarchische Denken prägend. In anderer Form, raffinierter, sanfter vielleicht. Ein Grund zur Enttäuschung ist das für mich allerdings nicht, sondern zur Hoffnung. Sie fußt auf folgender Überlegung:

Eine totalitär-autoritäre Vergangenheit teilen wir alle. Jede(r) hat es mindestens einmal im Leben erlebt, wie sich die Verletzung der eigenen Integrität anfühlt. Das ist eine Erfahrung, die uns alle Menschen vereint. Und da wir diese Verbindung durch erlebte Trennung gut kennen, können wir nun eine Welt durch erlebte Verbindung anstreben. Dazu ist nötig, die Integrität bei sich selbst und bei anderen ernst zu nehmen und – auch wenn es anfangs vielleicht nicht immer gelingt – Grenzverletzungen zu kommunizieren. Aus veralteten Täter-Opfer-Rollenspielen aussteigen. Manipulationen und falsche Glaubenssätze durchschauen.. Angst überwinden, sich in etablierte Rollenmuster mal nicht zu fügen. Sich in Wertschätzung und Selbstehrlichkeit üben. Dies wäre übrigens auch ein guter Umweltschutz, denn ein in seinen Grenzen geachteter Mensch wird auch die Grenzen und Räume der Natur achten. Nicht aus Angst, sondern aus Respekt..

klein und in seiner Kraft

[1] Erschienen 2002 in der 6. Auflage bei Rowohlt Verlag GmbH. Erstauflage: 1997.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.