Amsel-Gott

Amsel-Gott

Amsel-Paradies

Es gab vor langer Zeit eine glückliche Amsel-Familie. Sie hatten ihr Nest auf einem Berghügel mitten im Grünen und gestalteten ihr Leben frei, ganz nach ihren natürlichen Bedürfnissen. Sie begrüßten voller Hingabe die Sonne mit ihrem Gesang. Sie sammelten Früchte und Würmchen, die reichlich von der Mutter Natur überall vorhanden waren. Sie bewunderten und studierten aufmerksam ihre Umgebung. Jeder Tag war voller Überraschungen, Lern- und Glücksmomente. Es gab Zeit fürs Tun und es gab Zeit für Ruhe. Es gab Zeit zu träumen, sich auszutauschen und sich im morgendlichen Gesang zu messen. Es gab Zeit für Anstrengung und es gab Zeit für stilles Beobachten. Zeit war für alles reichlich vorhanden, denn Freude am Leben war der übergeordnete Raum.

Das Amselmännchen und das Amselweibchen kümmerten sich hingebungsvoll um ihre Jungen und begleiteten sie in die Autonomie so lange, wie es nötig war. Autonomie war so selbstverständlich wie Luft.

Verführung

Eines Tages tauchte ein Amserich bei ihnen auf (woher er kam, wusste niemand..). Er hatte einen teuren Anzug an und einen modischen Hut auf. Auf dem Handgelenk glänzte eine goldene Uhr. Er schaute sich um und wandte sich voller Besorgnis an das Amselmännchen: „Oh, ihr Armen! Ihr lebt hier sooo arm. Ihr habt doch hier gar nichts, nicht mal ein anständiges Nest.. Und eure Jungen, sie haben doch keine Zukunft hier.“ Das Amselmännchen schaute ihn ziemlich erstaunt an, denn diese Sicht war ihm neu. Doch er ließ sich auf den Austausch ein, bei dem ihm der Amserich Vorteile eines anderen, besseren Lebens erläuterte. Eines perfekten Lebens voller genussvoller Würmchen, die man nicht einmal sammeln musste. Die Amsel-Eltern waren anfangs zwar skeptisch, doch wie alle Eltern wollten auch sie für ihre Jungen nur das Beste. Der Amserich versprach ihnen vieles und erklärte sich sogar bereit, ihnen den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen.

***

Jahrtausende danach…

Keine der Amseln erinnerte sich daran, wie ihre Vorfahren ursprünglich lebten. Denn die eigentlichen Gedächtnisträger waren längst tot. Das Leben der Amseln sah nun so aus:

Sobald die Jungen geschlüpft sind, wurden sie ihren Amsel-Eltern weggenommen und speziell ausgebildetem Pflegepersonal anvertraut. Dieses wusste schließlich, was Amsel-Jungen brauchen, nämlich das, was im speziell dafür verfassten und vom Medizinrat zugelassenen Standardwerk stand.

Amsel-Eltern hatten ja auch keine Zeit für die aufwendige Jungen-Pflege, denn sie mussten für ihren Vorgesetzten arbeiten und fleißig Würmchen sammeln. Der Vorgesetzte musste schließlich für seinen Vorgesetzten arbeiten und an ihn Würmchen abliefern, denn so sah es der Plan vor. Den Plan hat der wichtigste Amsel-Mann verfasst, der ganz oben auf dem Baum saß. Er wurde liebevoll als Amsel-Papa genannt. Er kümmerte sich schließlich um alle Amseln und ließ – durch spezielle Behörden – die Würmchen an Amseln verteilen. Die meisten Würmchen bekam er natürlich, seine engsten Mitarbeiter bekamen etwas weniger und seine Untertanen je nach Position in der Hierarchie. Die niedrigsten in der Hierarchie mussten natürlich die meisten Würmchen fangen und bekamen dafür die wenigsten. Es wurde vom liebevollen Amsel-Papa verkündet, dass sie sich mehr anstrengen sollten, wenn sie mehr Würmchen erhalten wollten.

Für Gerechtigkeit sorgte der Große Amsel-Richter.

Für Ordnung sorgte das speziell dafür etablierte Ordnungsamt.

Für Seelenheil der Amseln sorgte Seine Göttliche Majestät der Amsel-Papa. Er galt als Heiligster Vertreter des Amsel-Gottes auf Erden. Nur wer sich an seine Gebote hielt, durfte in den Amsel-Himmel. Dafür sorgte eine spezielle Behörde, die die Einhaltung der Gebote kontrollierte. Doch seine Göttliche Majestät Amsel-Papa war gnädig: Wer seine Schuld bekannte und sich seiner Schuld schämte, wurde von seiner Schuld – qua spezielle Zauberformel – freigesprochen.

Für Bildung war der Große Bildungs-Gott zuständig. Amseln wurden frühzeitig in Schulen geschickt, wo ihnen das Fliegen und Würmchen-Sammeln beigebracht wurde. Dazu mussten sie halbes Leben die Schulbank drücken. Zuerst wurden sie in Theorien des Fliegens und in logisches Denken des Würmchen-Sammelns unterrichtet. Dann durften sie – unter strenger Aufsicht der Lehrer – erste Flugversuche im Labor machen. Zum Würmchen-Sammeln ging es in ein dafür speziell eingerichtetes Glashaus.. Denn die Natur war voller Gefahren. Fliegen in der Natur war deshalb verboten.

Dieser Erlass stammte vom Medizin-Gott. Seine Aufgabe war die Gesundheitskontrolle. Ob eine Amsel gesund war, bestimmte nicht die Amsel selbst, sondern die speziell dafür entwickelten Tests. Wenn eine Amsel den Normen eines Krankheitsbildes entsprach, wurde sie – notfalls mit Gewalt – in ein Krankenhaus eingeliefert. Dort wurde sie (zwangs)behandelt.

Für die richtige Ernährung war der Ernährungs-Gott zuständig. Er schrieb vor, was für die Amseln gut und was schlecht war. So musste jede Amsel 10 gezuckerte Würmchen pro Tag essen, denn Zucker ist gut fürs Gehirn und Würmchen fürs Eiweiß. Äpfel, die Amseln so mögen, waren strikt verboten. Kirschen auch. Stattdessen wurden Pilze mit Apfel- und Kirschgeschmack im Labor gezüchtet. Diese waren von einer speziellen Behörde zertifiziert und zugelassen.

Damit sich Amseln rundum wohl fühlten, wurde ein spezieller Service eingeführt: Norm- und Unterhaltungsservice. Seine Mitarbeiter hatten „Pflege rund um die Uhr“ oder „Wir stillen Ihren Hunger“ oder „Unser Netz trägt euch sicher!“ als Motto. Im Amselstaat musste sich niemand allein oder unglücklich fühlen (denn das Gebot der Nächstenliebe war das höchste). Wer dennoch unglücklich war, wurde in eine spezielle Heil- oder Erziehungsanstalt mit dem dafür speziell ausgebildeten und hochqualifiziertem Personal eingeliefert. Es war also üblich, so tun als ob..

Ach ja, wenn sich eine Amsel aus diesem glücklichen Amsel-Leben verabschieden wollte, musste sie rechtzeitig einen Antrag beim Sterbeamt einreichen. Ohne seine Bewilligung durfte niemand den Körper verlassen. Vorher musste man sich von seiner Göttlichen Majestät dem Amsel-Vater segnen lassen, um den Eintritt in den Amsel-Himmel zu erlangen.. Vorausgesetzt, der Richter-Gott hat eingewilligt..

***

Zukunft

Man könnte jetzt denken „und so lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Doch so einfach geht es im Leben nicht. Alles nimmt irgendwann sein Ende. Auch so eine Amsel-Welt. Wie geht es bei den Amseln weiter? Ich weiß es nicht.. Wisst Ihr das?..

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