Ideologie

Ideologie

Als ich klein war, gehörte meine Heimat, die Ukraine, noch der Sowjetunion an. Für mich ist die sowjetische Ideologie nichts Abstraktes, sondern an Gerüchen, Geräuschen, Geschichten und Menschengesichtern erkennbar. Der Ideologie verdanke ich einen starken Freiheitsdrang, der mich schließlich nach Deutschland zum Studium brachte. Mein Ziel war klar: Ich strebte nach Befreiung. Inzwischen sehe ich Befreiung anders als damals und möchte meine Perspektive mit dem gewillten Leser teilen.

Was ist Ideologie?

Ideologie setzt sich aus dem griech. idéa (ἰδέα) und –lógos zusammen, das auf légein (λέγειν) sammeln zurückgeht. Ideologie ist eine Sammlung an Ideen und synonym zu Ideenlehre. Sowohl Idee als auch Lehre haben einen Bedeutungswandel hinter sich. idéa bedeutete ursprünglich einen visuellen Eindruck, denn in idé͞in (ἰδεῖν) steckt die Bedeutung sehen, erblicken. Lehre stammte ursprünglich aus der Handwerkersprache und bedeutete Maß, Modell, woraus sich erst später die abstraktere Bedeutung Belehrung entwickelte. Aus diesen Bedeutungspuzzles lassen sich die prägenden Erkennungsmerkmale einer Ideologie herauslesen, nämlich:

# Begrenztheit: die Ideen, die eine Ideologie nähren, bilden ein geschlossenes Ganzes, wie einzelne Perlen eine Kette.

# Selektivität: Ideen sind selektiv, sodass eine Ideologie – von innen betrachtet – als stimmig wirkt.

# Sprachroutine und ritualisierte Handlungsabläufe: Bestimmte sprachliche Phrasen oder Begriffe werden überinflationär häufig gebraucht. Auch bestimmte Handlungen verwandeln sich durch ständige Wiederholung in Automatismen.

# Uniformierung wirkt ebenfalls gemeinschaftsstiftend. In einer Ideologie sind deren ´Träger´ durch irgendwelche nach außen sichtbaren Zeichen erkennbar. Als Grundschüler mussten wir zum Beispiel damals eine blaue Uniform und ein rotes Sternchen an der Brust tragen.

# Erlösungsmoment: Ein großes Ziel – es geht meistens um die Rettung von XY – soll Menschen mobilisieren und motivieren. Es wird eine Art Ausnahmezustand verhängt, der als dem Ziel dienlich deklariert wird. Erst wenn X bekämpft und/ oder Y erlöst ist, ist eine Entspannung angesagt. Bis dahin ist eine Anspannung in Kauf zu nehmen. Im Kommunismus war das Ziel der großen Anstrengung eine „lichte Zukunft für alle“.

# XY über alles: Ein bestimmtes Merkmal (z.B. ´solidarisch´, ´seinen Nächsten liebend´ etc.) wird besorders hervorgehoben und sein Bedienen wird zum Leitziel erklärt.

# Aufgaben und Pläne, die dem Erreichen des Ziels dienen, werden von den Ranghöheren bzw. bevollmächtigten Institutionen an hierarchisch Niedrigere verteilt. In der Sowjetunion waren es 5-Jahres-Pläne, die von oben herab angeordnet wurden. Auch wenn es sich herausstellte, dass sie unrealisitisch oder gar lebensfeidlich sind, wurden sie gewaltsam durchgesetzt. Das Leben ist einem Leitziel und einer Pflichterfüllung nachgeordnet.

# Handlungs- und Denkautomatismen: Da das große Ziel als gut und Mittel, um es zu erreichen, als zielführend empfunden und deklariert werden, werden bestimmte Handlungen in einer Mechanik ausgeführt, wie mancher Schuster seine Schuhe nach einem Maß anfertigt.

# Opferbereitschaft: Das Ziel ist heilig und es heiligt die Mittel. Deshalb sollen ´kleine´ Ziele oder Lüste geopfert werden. Freud behauptet in „Das Unbehagen in der Kultur“, dass die ganze Kultur auf Triebverzicht aufgebaut ist (S. 59). Es wird stets auf „wir müssen …“ rekurriert. Das Ziel hat oberste Priorität, sodass auch gelegentlich ein Menschen(leben) geopfert werden muss.

# Helden: Bürger, die sich besonders aufopfern, werden für ihre Taten gelobt. Sie sollen als Vorbild für andere dienen. In der Sowjetunion waren es „Helden der Arbeit“. Das Bild eines braven willigen Bürgers wird allseits genährt.

# Verräter: Wer durch sein Verhalten oder seine Worte eine Ideologie hinterfragt, indem er z.B. eine andere Perspektive einnimmt, wird getadelt bis bekämpft. In der Sowjetunion waren es „Volksfeinde“, die an den öffentlichen Pranger gestellt wurden. Sie wurden bestraft und sanktioniert, damit anderen die Lust an Nachahmung vergeht.

# Implizite Druckknöpfe in Form von Scham und Schuld: Da eine Mehrheit mitmacht bzw. so tut als ob, fallen ´Abweichler´ besonders auf. Sie bekommen den Ausschluss aus einer Gruppe besonders zu spüren.

Ein Beispiel

Im universitären Kontext fällt mir seit Jahren der überinflationäre und floskelhafte Gebrauch des Wortes Kompetenzen auf. An sich ein harmloses und unspektakuläres Wort, doch es setzt einen Aktionismus in Gang, dessen Folgen eine Anpassung an eine gesellschaftlich anerkannte Schablone sein könnten.

Es wird von Studierenden und Doktoranden erwartet, dass sie sich neben ihrem Fachstudium bestimmte Schlüsselqualifikationen aneignen, wie z.B. Kommunikation, Präsentation oder – was auch immer das ist – Persönlichkeitskompetenzen. Das soll einen gelungenen Start in die Arbeitswelt ermöglichen. An diesem harmlosen Wort lässt sich eine ideologische Tiefenströmung erkennen. Dafür spricht einerseits sein routinierter und daher auch unhinterfragter Gebrauch. Andererseits deutet es auf eine Standard-Schulung im Hinblick auf ein allgemein übliches oder in der Arbeitswelt erwünschtes Ideal hin. Ein solches Ideal verlagert die Entwicklungsrichtung nach außen, oft zugunsten einer Unterdrückung des Individuellen, das nicht in das vorgegebene Bild passt. Genährt wird die Jagd nach Kompetenzen durch einen impliziten Erlösungsmoment (den Job XY haben wollen) und einen Denkautomatismus (um den Job XY zu haben, muss man die Kompetenz XY nachweisen).
Eine Alternative wären beispielsweise Selbstfindungsseminare, in denen individuelle Gaben und Werte gefördert werden: Was ist mein individueller Kommunikations- oder Präsentationsstil? Was macht mich als Individuum aus und welches Arbeitsumfeld tut mir gut? Wo kann ich – so wie ich bin! – eine Bereicherung darstellen?

Eine Beobachtung und eine These

Wenn man sich Menschendarstellungen in öffentlichen Räumen oder an Gebäuden anschaut, fällt auf, dass sie oft ein entscheidendes Merkmal teilen: Häufig sind sie entweder auf ein Podest erhoben oder ihnen fehlt der Körper:

In beiden Fällen ist der Mensch nach oben ausgerichtet. Im ersteren Fall ist er von der Erde getrennt, als wenn er auf Stelzen liefe. Im letzteren Fall ist der Kopf vom Körper getrennt und hängt quasi in der Luft. Der Kopf (= Himmel) ist vom Körper (= Erde) getrennt.
Meine Behauptung ist nun, dass genau das mit einem Menschen passiert, wenn er einer Ideologie anhängt, nur im Unsichtbaren:

Solch ein Mensch schließt sich einer Idee an, um den Preis, dass er sich von seinem Körper, seinen wahren Gefühlen und Bedürfnissen abspaltet. Er opfert sozusagen seinen Körper und verzichtet freiwillig auf seine Ganzheitlichkeit. Er verrät seine Einzigartigkeit und dient einer Gruppe, indem er sich deren Zielen und Ideen verschreibt und unterordnet. Meine Vermutung ist nun, dass das nur dann passieren kann, wenn der Mensch frühzeitig, das heißt bereits in frühester Kindheit gelernt hat, sich einer Gruppe in den Dienst zu stellen, nämlich seiner Familie.

Ein Entwicklungstrauma oder wie eine Ideologie entsteht

Wenn ein menschliches Wesen in die Welt kommt, hat es kein entwickeltes mentales Bewusstsein, das ich im Weiteren als ´Kopf´ bezeichne. Es entwickelt sich allmählich erst aus dem emotionellen bzw. Körperbewusstsein (= Körper). Das Wesen Mensch lernt zuerst durch Kontakt mit seiner Umgebung seine Gefühle und seinen Körper zu steuern. Erst allmählich reift das mentale Bewusstsein heran, indem es auf dem Körper- und emotionellen Bewusstsein aufbaut. Bis das geschieht und der Mensch langsam und allmählich die mentale Steuerung für sich selbst übernehmen kann, ist er auf die mentale Steuerung durch seine Eltern angewiesen. Wenn man jedoch die Geschichte des Menschen sowohl phylogenetisch (Menschheit) als auch ontogenetisch (Mensch als Einzelwesen) betrachtet, weiß man, dass es einen massiven Missbrauch diesbezüglich gegeben hat. Kinder wurden nicht dahingehend unterstützt, sich als selbstorganisierte Wesen wahrzunehmen und sich selbst in ihrer authentischen momentanen Verfassung angstlos zu zeigen (ohne die Gefahr, den Kontakt zu ihren Bezugspersonen zu verlieren) sowie für sich selbst die Körper-Geist-Steuerung zu übernehmen, sondern sich einer anderen mentalen Größe unterzuordnen (zur Geschichte der Kindheit im Abendland siehe Llojd deMause „Hört ihr die Kinder weinen“).

Der Verrat an sich selbst ist in einer unauthentischen und deshalb auch die Authentizität unterdrückenden Umgebung unvermeidlich und passiert schleichend und systematisch (siehe Arno Gruen „Der Wahnsinn der Normalität“). Es folgt seiner eigenen ´Logik´(zur frühen Traumatisierung und zum Entwicklungstrauma forscht z.B. Franz Ruppert): Bestimmte Elemente des kindlichen Körper-Geist-Systems finden kein Gehör, keine Wertschätzung und müssen deshalb vom Kind gut versteckt, im Körper durch Muskelspannung ´eingekapselt´ werden, um kein Risiko (Liebesentzug, Gewalt) einzugehen. Oft ist niemand da, um kindliche Eigenarten so körperlich-emotionell-mental anzunehmen, dass es nicht wertend (schlecht, böse etc.), sondern neutral und im Kontext einer sicheren Bindung passiert. Das Kind lernt deshalb, diese Elemente von sich selbst zurückzuweisen und sie mit Schmerz und Gefahr zu verknüpfen, da sie ihm den Schmerz des Nicht-Geliebt-Werdens und eines lebensgefährlichen Zurückgewiesenseins bereiten. Und da sich alle Empfindungen nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper zeigen und abspeichern, lernt das Kind, entsprechende Körperregionen anzuspannen, um den Kontakt mit diesen von seiner Umgebung nicht angenommenen Anteilen zu vermeiden. So lernt es, dass diese Anteile nicht da sein dürfen und zu bekämpfen sind. Sie werden zu seinem inneren Feind. Es umzäunt sie deshalb in seinem Körper mit unsichtbarem ´Stacheldraht´ und mit der unsichtbaren Aufschrift ´Vorsicht! Lebensgefahr!“.

Wenn es im Körper viele solcher unsichtbaren ´Minenfelder´ gibt, wird das Kind in keinem guten Kontakt mit seinem eigenen Körper sein und sich eigenen Körperempfindungen gegenüber taub stellen, sie ignorieren oder sie weghaben wollen. Da das mentale Bewusstsein noch nicht ausgebildet ist, können solche schmerzhaften und bedrohlichen Erfahrungen nicht vollständig und detailgetreu abgespeichert, verarbeitet und integriert werden. Es kann auch keine mentale Abgrenzung („das hier gehört gar nicht zu mir“) stattfinden. Um sich von eigenen und fremden Emotionen und Gefühlen nicht überwältigen zu lassen, werden sie im Körper ´eingefroren´ oder ´begraben´. Das sichert kurzfristig das Überleben, führt aber langfristig dazu, dass der instinktive Teil des Körpers, das sogenannte Bauchhirn, nicht als Partner des mentalen Bewusstseins, sondern eher als dessen ´Feind´ erlebt wird. Das, was als körperlich-emotinell-mentale Kohärenz bezeichnet werden könnte, geht verloren.

Der eigene Körper, der so ´vermint´ ist, kann nicht mehr einen sicheren Anker im Leben bilden. Umso mehr lernt das Kind in den Kopf zu flüchten. Es träumt Träume wie „wenn ich groß werde, dann …“. Es träumt von der eigenen Stärke und Macht (siehe Arno Gruen „Der Wahnsinn der Normalität“). Es erschafft sich eine Parallelwelt im Kopf, um so der traurigen Realität der eigenen scheinbaren Unzulänglichkeit zu entfliehen. Es flüchtet in die vermeitliche Sicherheit einer Idee und in die Zukunft und lernt so, sich selbst im Jetzt und im eigenen Körper zu verlassen.

Faszinierend ist in diesem Kontext eine psychoanalytische Untersuchung von Eugen Drewermann „Kleriker. Psychogramm eines Ideals“ von 1991. Der Autor deckt Faktoren auf, die aus einem Säugling bereits einen zukünftigen Kleriker machen können. Nach ihm führt eine tiefe ontologische Unsicherheit, die ein Kind im frühesten Alter erfährt, zu einer späteren Idee der göttlichen Erwählung und zu Idealen, die sein Sein doch noch rechtfertigen würden. Es kommt zu einem schicksalhaften Zusammenspiel von einem Schuldgefühl (gegenüber der eigenen sich selbst aufopfernden Mutter) und einer Retterphantasie (die Ehe der Eltern zu stabilisieren und zu retten). Diese Idealbefolgung (sich fügen und gehorsam sein gegenüber dem Vater und zugleich die Mutter (die Welt später) zu erlösen und sich wie diese aufzuopfern) hat, wie Drewermann in Anlehnung an Freud sagt, einen hohen Preis, nämlich: Eine masochistische Selbstunterdrückung und einen tiefen – ideologisch gut versteckten – Selbsthass (vgl. ebd., S. 279f.).

Das Tragische einer Ideologie ist, dass sie die ursprünglichen Bedürfnisse und Triebe in ein Kleid von Rationalisierungen versteckt, was den Menschen in einem Teufelskreis aus verdrängten kindlichen Erlebnissen und einem rationalisierten Überbau gefangen hält (vgl. ebd., S. 281).

Fehlt also die Sicherheit bei sich selbst, ist der Mensch anfällig für eine Suche nach Sicherheit im außen und damit für eine Steuerung von außen, wenn seine Idealbilder im Kopf angesprochen und aktiviert werden. Eine Steuerung von außen ist umso wahrscheinlicher, wenn einem Kind keine authentische und lebendige Interaktion mit seinen Eltern möglich war, bei der es hätte alle Facetten seines Seins in einer sicheren Bindung erfahren können. Stattdessen wird es ideologisch geformt, z.B.

# wenn seine Interaktion mit Erwachsenen durch allerlei Automatismen, Sprachroutine und ritualisierte Handlungsabläufe gekennzeichnet ist.

# wenn es lernt, sich mit seinen Wünschen und Bedürfnissen hinten anzustellen, weil Ziele und Wünsche, Aufgaben und Pläne der Erwachsenen stets Vorrang haben.

# wenn es lernt, seine eigene Lust zu opfern, weil womöglich ein Liebesentzug droht.

# wenn es lernt, sich vollständig am elterlichen Überich (= Erwartungen, Normen, Gebote, Verbote etc.) auszurichten, um zu überleben. Wenn ihm die „Atemluft zum eigenen Denken und Sprechen, Fühlen und Handeln“ (Drewermann „Kleriker. Psychogramm eines Ideals, 1991: 345) verweigert wird.

# wenn es lernt, dass es durch die Aufopferung für andere anerkannt und gelobt wird, nach dem Motto: „Nur wenn ich mich nützlich, ja, unentbehrlich mache, wird man mich gerade noch akzeptieren (…)“ (Drewermann „Kleriker. Psychogramm eines Ideals, 1991: 336).

# wenn es abgelehnt wird, falls es die Aufopferung für andere verweigert.

# wenn es beschämt und beschuldigt wird, wenn es sich so zeigt, wie es von Moment zu Moment ist.

# wenn es angehalten wird, den Weg des Suchens und sich auch dabei Fehler zu erlauben eintauscht gegen „eine Pflicht vorgeschriebener Richtigkeiten“ (Drewermann „Kleriker. Psychogramm eines Ideals, 1991: 363).

# wenn es angehalten wird, sich für die „Heiligkeit (eines) Status“ statt für die „Heilwerdung (seines) Selbst“ (ebd., S. 364) zu entscheiden.

Wenn dies und ähnliches gegeben ist, ist ein Mensch dazu prädisponiert, sich in die Reihen einer ideologischen „Söldnerarmee von Heimatlosen“ (ebd., S. 368) einzureihen und ein Leben jenseits seiner Heimat (= Körper, Integrität, Lebendigkeit) zu führen, mit anderen Worten zu funktionieren.

Er-lösung

Wenn ein Mensch die Steuerung seines eigenen Körper-Geist-Systems nie gelernt hat, wird er im Außen nach einer Stabilisierung, Orientierung und Erlösung suchen. Damit wird er sich – jetzt als Erwachsener – einem Menschen oder einer Institution als einer symbolischen Elternfigur kindlich anvertrauen und deren Regeln, Führung und Ideologie befolgen, um das zu bekommen, was er damals als Kind von seinen Eltern so sehr gewünscht hat: Anerkennung und Liebe.

Erlösung durch einen Er-löser zu suchen ist in der Menschheitsgeschichte fest etabliert. Doch während wahre Er-Löser in die Eigenverantwortung und damit Freiheit geführt haben, spielen ´Er-löser´ sehr gerne Elternrolle für deren bedürftige Kinder. Am besten lebenslang. Der Preis ist hoch, wie Jiddu Krishnamurti schreibt:

„Wir schauen nach jemandem aus, der uns sagt, was rechtes oder falsches Betragen, was rechtes oder falsches Denken ist, und indem wir uns nach dieser Norm ausrichten, wird unser Verhalten, unser Denken mechanisch, werden unsere Reaktionen automatisch. Wir können das sehr leicht an uns beobachten. Seit Jahrhunderten sind wir durch unsere Lehrer, durch unsere Autoritäten, durch unsere Bücher und unsere Heiligen gegängelt worden. Wir erwarten, daß sie uns alles offenbaren, was hinter den Hügeln, den Bergen und der Erde liegt. Und wir sind mit ihrer Darstellung zufrieden, das bedeutet, daß wir von Worten leben und unser Leben hohl und leer ist.“ (https://www.lifeandlove.de/krishnamurti.htm)

Die wahre Erlösung ist deshalb keine konzeptuelle Errettung im Rahmen einer Organisation, der ich treu und lebenslang diene, sondern Treue zu sich selbst. Indem ich z.B. die verletzten und verbannten Anteile erlöse, betrauere und annehme, indem ich die verlorene Kohärenz und den verlorenen Eigenrhytmus wieder finde und lebe. Auch indem ich mir selbst das erlaube, was mir damals meine Umgebung nicht erlaubt hat, z.B. verletzlich, schwach, wütend etc. sein zu dürfen. Langfristig ist Erlösung dann seine eigene Wahrheit zu finden.

„Du musst allein die eigene Wahrheit finden“ singt Reinhard Mey in „Füchschen“ (https://www.youtube.com/watch?v=qg1hMIXma3A)

Dieser Weg ging und geht für mich über viele Desillusionierungen, über archäologische Ausgrabungsarbeiten des längst Vergessenen und Verschütteten, über die tagtägliche Selbst-Erlösung in Form von Reflexion, Meditation und gelebter Achtsamkeit.

Klar, dass ´Rückfälle´ und ´Süchte´ dabei vorkommen. Denn Untreue zu sich selbst hat Suchtcharakter und suggeriert Sicherheit. Man hängt buchstäblich im Nichts, wenn sich das alte löst, ohne dass das Neue sich zeigt.. Man geht auf eigenes Risiko und auf eigene Gefahr unbekannte Wege und auf ein offenes Ergebnis hin.

Doch ich glaube, dass es sich trotzdem lohnt, sich selbst aus den vielen zusammengefügten und – geflickten Puzzleteilchen anzupeilen. Ein ungeteiltes Selbst eben. Individuum bedeutet übrigens genau das, da es auf das Adjektiv indīviduus mit der Bedeutung ungetrennt bleibend, ungeteilt, unteilbar zurückgeht. Er-lösung wäre dann so etwas wie Zurückfinden zum ursprünglichen, ungeteilten Selbst. Vielleicht genau diese Art von Erlösung meinte Jesus mit seinem „Kehrt um!“..

Dann kehrt sich vielleicht auch das Leben im Außen um. Die Pfade fremder Ideen und Anleitungen werden verlassen. Eigenen Ideen aus der Leere statt Ideenlehren wird vertraut. Dann können auch Ideenlehren nicht bestehen, sodass Ideen wieder das sein dürfen und können, was sie ursprünglich auch waren: Flüchtige Eindrücke auf dem eigenen individuellen Lebensweg.

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Ideologie

  1. Das ist ja ganz schön komplex.
    Ideologie kann durch Logos als Lehre oder durch Logos als Weisheit erkannt und gelebt werden.
    Interessanterweise nähern wir uns durch Lehren der uns eingeborenen Weisheit. Leid hat die Kristallisation von Weisheit zur Folgen. Vielleicht haben wir dadurch die Traumatisierung in der Kindheit oftmals erfahren!
    Ich gehe davon aus, dass wir uns den Ort unserer Entfaltungsmöglichkeiten selber aussuchen!
    Danke für deine Ge-danken👍❤️

    1. Danke für Deinen Kommentar und eine weitere, übergeordnete, ´geistig-seelische´ Perspektive, aus der eine Ideologie ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zur Weisheit ist. Ja, alles hat seinen (tieferen) Sinn! So gesehen, dient auch eine Ideologie der Schulung des Logos. Der Weisheit fehlt jedoch, wie ich es sehe, die ´Mechanik´, die einer Ideologie noch innewohnt. Weisheit ist lebendig, da sie sich nicht mehr einer starren Lehre, sondern einem konkreten Kontext verschreibt. Sie kann sich bereits eine Paradoxie erlauben. Doch sie hat stets eine Ganzheitlichkeit im Blick. Sie dient dem großen Ganzen und beharrt nicht mehr auf einen bestimmten Ausschnitt..

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