ankommen

ankommen

Mein Liebster hat mich mit seinem Beitrag zum Wort ankommen inspiriert. Und seitdem trage ich mich mit ein paar Ideen dazu herum. Nachdem sie sich heute auch auf meinem Spaziergang durch den herbstlichen Wald ganz organisch im Kopf bemerkbar gemacht haben, ist nun die Zeit, sie in Textform zu bringen.

Ankommen ist anders als kommen oder gehen. Es hat eine andere Qualität. Während kommen sehr flüchtig ist und bereits auf gehen implizit verweist, ist ankommen nicht so. Es hat Ruhe und Heimat in sich. Es strahlt Zufriedenheit und eine still gebliebene Zeit aus. Denn ankommen ist kein typisches Verb, kein Tunwort. Ankommen ist ein ´Beiverb´, denn es ist mit jedem anderen Tunwort harmonisch vereinbar. Es will mit keiner Tätigkeit konkurrieren, sondern ihr einen würdigen Raum geben. Es ist leise und nicht egozentrisch, es möchte nicht auf sich, sondern auf andere  Aufmerksamkeit lenken. Denn erst dann geschieht das Ankommen, wenn ich mit dem, was ich tue, oder mit dem, wo ich bin, verschmelze. Ankommen ist das Gegenteil von Sich-ablenken (-lassen).

Wenn ankommen sprechen könnte, würde es wahrscheinlich sagen: „Ich lade dich ein, da, wo du bist und bei dem, was du gerade tust, zu verweilen. Ich gebe dir so viel Zeit und Raum, wie es braucht. Löse dich in mir auf und sei.“

Ankommen ist eine stille Präsenz des Moments jenseits des nächsten Ziels.

Und seitdem ich ankommen kennengelernt habe, muss ich nicht einmal weit weg fahren oder gehen, um anzukommen. Ich komme bereits am Morgen nach dem Aufstehen an, indem ich mit einer Tasse Tee in der Hand in die Welt und mich hineinlausche. Was will mir die Welt sagen? Was will ich zu mir selbst sagen? Mal ist es viel und mal wenig, mal bedeutend, mal banal. Immer anders.

Heute bin ich auf einer Wiese angekommen. Es war früher Abend und kurz vor dem Regen. Ich fand Platz unter einem kleinen Apfelbaum voller roter Äpfel, an einem von denen eine Meise naschte. Ich legte mich ins Gras und machte Augen zu. Stille. Nur die leise Stimme der Meise, die selbstvergessen leise vor sich hin zwitscherte. Ich öffnete die Augen. Der graue regenschwere Himmel, der sich für einen Augenblick in ein endloses Meer aus kleinen leuchtenden Perlen verwandelte. Ich schloss die Augen. Stille. Plötzlich ein einziger Glockenschlag, der seinen Ton wie eine Klangschale über den ganzen Himmel ausbreitete.

Ich will wissen, was an– bei ankommen bedeutet und schlage im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (www.dwds.de) nach. An– hat in diesem Fall die Bedeutung von Herankommen, Sichnähern. Wer/ was kommt an wen/ was heran, frage ich mich. Kommen die Stille, die Meise und der Glockenschlag an mich heran oder ich an sie?

Ich glaube, dass es zuerst mich bedarf und dass der Rest sich von selbst ergibt. Denn ich muss ja ankommen wollen … Ich muss Sehnsucht danach haben. Bei mir machte es einmal einen Klick in diese Richtung. Es zog mich nicht mehr von mir weg, sondern zu mir hin. Vielleicht habe ich da das Ankommen entdeckt. Ich beherrsche es immer noch nicht vollkommen, doch ich übe gerne. Egal, wann und ob das ´Ziel´ erreicht ist.

Ich glaube, dass die Welt momentan größtenteils aus Getriebenen und Vertriebenen besteht. Getriebene werden von ihren Süchten getrieben (die Sucht kommt bekanntlich von suchen). Ich glaube, dass in Wahrheit Heimat gesucht wird, Geborgenheit, Nähe und Stille, wo jede Zelle sich zu Hause fühlt. Bis dahin sind nicht nur Flüchtlinge Vertriebene. Man kann auch sich selbst antreiben, vertreiben und immer weiter von sich weg treiben.

Die Geschichte der Vertreibung ist uralt. Sie hat uns kollektiv lange beherrscht. Wir haben sie vielfältig verwirklicht. Zum Beispiel im Christentum, wo die Erde zu einem unschönen, bösen Ort deklariert wurde, wo der Sehnsuchtsort weit weg von der Erde, in den Himmel verlagert wurde. Wenn ich nicht hier meine Heimat finden durfte und wenn sie erst irgendwo und irgendwann nach dem Tod lag, wie konnte da nicht eine tiefe geheime Sehnsucht nach etwas im Jenseits entstehen? Wie konnte da nicht eine vergiftete Beziehung zum Planeten Erde und zum eigenen Körper entstehen?

Heute ist das Nicht-Ankommen systematisch. Jede Lücke im Lebenslauf, jeder Moment des Nichts-Tuns sollen vermieden oder als bestimmtes Tun (und sei es Erholung oder eine bestimmte spirituelle Praxis) kaschiert werden. Es nimmt tragikomische Züge an, wenn das Ankommen einer besonderen Rechtfertigung bedarf. Einfach so hier zu sein, das bringt in Bedrängnis (=> man denke an Loriot https://www.youtube.com/watch?v=Iuobpte4ndQ :). Die Norm schreibt ein Fließbandleben vor, ein  Fließbandstudium, am liebsten mit einem Vollzeitjob nebenher, Promotion bis spätestens 30, parallell zur Familie samt Auslandsaufenthalt und Plänen für die kommenden 10 Jahre. Ansonsten hat man schon versagt. Denn es ist eine Gesellschaftsordnung, wo das Tun (ob sinnvoll oder nicht, spielt keine Rolle) zur Norm und das Sein zur Abweichung erklärt werden.

„Was hast du heute gemacht?“ fragt mich bei jedem Telefonat meine Mutter. Ich merke ihre Unruhe, wenn ich nichts Sinnvolles in ihren Augen vollbracht habe. Es ist nicht so, dass ich nichts tue, es ist einfach so, dass ich versuche, nicht zwanghaft etwas zu tun, sondern meine Bedürfnisse, Träume und Wünsche ernst zu nehmen. Denn ich sehe Tun und Sein als ebenbürtig. Genauso wie ich Mann und Frau als ebenbürtig sehe. Gerade deshalb, weil sie von Natur aus verschieden sind.

Welche Welt wollen wir? frage ich mich. Die Welt eines mechanischen Tuns oder die Welt eines paradiesischen Seins, in der uns die Früchte der Erde so frei wie die Luft und das Wasser zustehen, nicht weil wir sie verdienen müssen, sondern weil wir Erdenbürger sind und die Erde unser Geburtsrecht ist? Ich entscheide mich für das Letztere.

Denn Vertreibung und Flucht, das habe ich als Mensch jahrtausendelang erfahren. Es wäre Zeit für etwas Neues. Eine Idee für Neuausrichtung wäre: Die Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies radikal zu überdenken und diese Erde zum Ort einer bewussten Ankunft zu deklarieren. Auf eigenem Recht auf Heimat zu bestehen. Damit uns Flüchtlinge nicht mehr unser eigenes Vertrieben- und Getriebensein spiegeln müssen. Damit es für jede(n) ein Zuhause und einen würdigen Platz auf dem Planeten gibt. Ohne es mühevoll verdienen oder hart erkämpfen zu müssen. Denn: Wir sind hier auf der Erde, um zu leben und uns als Mensch auf verschiedenen Ebenen zu erfahren. Nicht nur im Tun, sondern auch im Sein.

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