Ideologie – Fixierung eines Ideals

Ideologie – Fixierung eines Ideals

Ich habe mich – angeregt durch einen Dialog – mit der Frage beschäftigt, was Ideologien sind und wie sie zustande kommen, was also der Grund für deren Entstehung ist.

Was ist also eine Ideologie?

Meines Erachtens ist eine Ideologie die Beschreibung eines Ideal-Zustandes. Ich definiere also einen Ideal-Zustand – so wie ich mir vorstelle, dass es (und im Moment lassen wir einfach mal außer Acht, was „es“ ist) ideal ist. Man könnte dies in einem übergeordneten Sinn als „Wunsch“ oder „Traum“ oder auch als „Wunsch-Traum“ bezeichnen. Eine Beschreibung des „So soll es sein“ – mit der impliziten Erwartung gekrönt, dass wenn es dann tatsächlich so ist – wenn also in der manifesten Welt bestätigt wird, dass dies so eingetreten ist – dass dann die Welt, das Leben endlich „besser“ ist. Sprich: das was bisher „nur erdacht“ war, wurde Wirklichkeit und die Welt hat sich dem Ideal angenähert.

Und dann passiert häufig etwas ganz Faszinierendes und Spannendes, denn dann wird versucht dieses Ideal zu fixieren. Das beschriebene Ziel wurde (fast) erreicht und bedingt dadurch, dass es ja als Ideal definiert wurde, soll es natürlich so bleiben, vielmehr immer mehr davon (von was auch immer) eintreten, denn es ist ja schließlich das Ideal – so wurde es beschlossen, definiert und festgelegt!

Und weil weder das Leben, noch ein Mensch, noch ein Tier, noch ein Ideal sich gerne einsperren und eine bestimmte Vorstellung begrenzen lassen, beginnt ein Kampf, ein Kampf gegen das, was ursprünglich als Ideal definiert wurde. Doch jetzt, da sich sowohl die Umstände, als auch Beteiligte geändert haben, passt das Ideal nicht mehr zu dem sich bereits veränderten Umfeld.

Was nun?

Es bedarf einer Anpassung, einer neuen Absprache, einer Veränderung und einer Einigung auf einen neuen Ideal-Zustand, denn der alte scheint nicht mehr zu passen, oder?

In der Vergangenheit dienten häufig Revolutionen und Kriege, um diese Neu-Anpassung vorzunehmen. Doch das sind Veränderungen, die durch Gewalt hervorgerufen werden, und sie sind damit verbunden, dass es Gewinner und Verlierer gibt und dass alte Strukturen zerstört werden.
Und da niemand gerne Verlierer ist, geht diese Art von Umbrüchen sehr häufig mit Unmut einher, Unmut, der sich wieder an irgendeiner Stelle entladen muss. Also nicht unbedingt wünschenswert, weil das Prinzip „Gewalt verursacht Gewalt“ initiiert wird.
Des Weiteren werden durch das Zerstören von alten Strukturen auch sinnvolle Dinge zerstört, die potenziell als ein Teil einer neuen Basis hätten dienen können.
Alles in allem wurde also bisher nicht auf das  – auf Dauer weitaus erfolgreichere – Win-Win-Prinzip, zurückgegriffen.

Muss das so sein oder gibt es Alternativen?

Ich glaube, dass was sich im Großen in Form der Gesellschaft abspielt, spielt sich auch im Kleinen in jedem von uns ab, so dass es grundsätzlich von Vorteil ist, wenn sich jeder von uns bewusst macht, dass es bisher immer irgendwelche Ideologien gab, und vielleicht wird es sie auch immer geben.
Und ausgehend von dieser Annahme zu überprüfen, welchen Ideologien ich im Moment selbst anhänge. Und dann auch immer wieder zu überprüfen, ob ich sie noch brauche, oder ob mir auch möglich ist, ohne die Ideologie, von der ich im Moment angetan bin, zu (über-)leben.
Kann ich also überleben, wenn ich von heute auf morgen eben kein Hippie, Yogi, Nazi, Spiritueller, Lehrer, Hochsensibler, Macho, Softie, Sado, Maso, Philosoph, Dilettant, Wissenschaftler oder mit was auch immer ich mich identifiziere bin. Zu was fühle ich mich zugehörig, was gibt mir Sicherheit?

Und dann auch zu überprüfen, ob es genau das ist, was mir Sicherheit verspricht.
Oder noch etwas anderes? Oder eine bunte Mischung?
Und dann hin zu der Frage: Welche Bedürfnisse habe ich als Individuum, damit ich glücklich bin?
Und passen meine individuellen Bedürfnisse zu 100% zu der – von mir auserkorenen Peer-Group – oder bin ich, durch mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit, doch wieder gezwungen „faule Kompromisse“ einzugehen?

Was würde mir in meinem Leben fehlen, wenn ich mich nicht mehr auf Sicherheit meiner Peer-Group verlasse, sondern wenn ich meine Zugehörigkeit weiter fasse, eben als Mensch, lebendes Wesen, Teil eines großen Ganzen?

Gibt es neben der Zugehörigkeit zu „meiner“ Peer-Group eventuell etwas, was „schwerer wiegt“, etwas, was wichtiger ist als „dazu zu gehören“, etwas wofür mein inneres Feuer stärker brennt, obwohl mich dieser Antrieb potentiell in die Isolation treibt, sprich die Gefahr besteht, dass mein inneres Feuer mich ganz und gar verbrennt.
Also etwas, wovon ich in der Tiefe meines Herzens so stark überzeugt bin, dass ich bereit bin, mich dem Feuer der Offenbarung ganz und gar hinzugeben…

Was kennzeichnet Ideologien?

Ideologien sind häufig durch Ausgrenzungsmechanismen begleitet, es gibt sehr häufig einen (oder mehrere) Feinde. Also etwas, wogegen man sich wehren muss, etwas, was man bekämpfen muss.
Ein Für und ein Wider. Einen dem Ideal entsprechenden Bereich und einen nicht akzeptablen und nicht zu duldenden Bereich. Abweichler, die sich nicht an die Vorgaben der Ideologie halten, werden durch Ausgrenzung (=Liebesentzug) oder empfindliche Repressalien bestraft…
…man könnte vermuten, dass dies eine Reinszenierung der Muster ist, denen man als Kind ausgesetzt war, oder?

Könnte es also sein, dass das Entstehen und Fortbestehen von Ideologien nur eine Rache an den – durch Eltern und Lehrer erfahrenen – Unterdrückungsmaßnahmen ist?

Sind alle Ideologien so?

Oder wie müsste denn eine Ideologie aussehen, die längerfristig Bestand haben könnte?

Ich persönlich glaube, dass es möglich sein sollte, einen gemeinsamen Nenner zu finden, eine Art Ideal-Korridor in dem „das normale Leben stattfindet“ und dass Zwang und fehlende Freiwilligkeit bereits die Basis für ein Scheitern legen.

Nehmen wir einmal an, es gäbe einen Ideal-Korridor, auf den sich (nahezu) alle einigten, weil er widerspruchslos ist und (nahezu) alle sind der Meinung, dies als das anzustrebende Ziel zu definieren, und (nahezu) alle freiwillig dazu bereit sind, diesem gemeinsamen Ziel dienen zu wollen.
Und nehmen wir weiter an, dass das gemeinsame Ziel eine regelmäßige Überprüfung erfährt. So dass jederzeit – sollte sich das Ziel überholt haben – eine Neuausrichtung erfolgen kann.
Wäre unter diesen Umständen eine Ideologie – als gemeinsame Ausrichtung – eine Möglichkeit, über ein einheitliches Ziel Verbundenheit und Gemeinschaft herzustellen?

Eventuell braucht es auch mehrere Gemeinschaften, um den teilweise unterschiedlichen Bedürfnissen nach Sauberkeit, Nähe/Abstand, Drogen/Nicht-Drogen, Fleisch/Nicht-Fleisch, … gerecht zu werden?

Vielleicht ist auch der Begriff „Ideologie“ ein zu sehr behafteter oder verbrauchter Begriff?
Vermutlich ist der Begriff genauso verbraucht wie Paradies, Himmel, Elysium, Nirwana oder wie auch immer…
…wie wäre es, dieses gemeinsam erarbeitete Bild der Zukunft einfach „gemeinsame Ausrichtung“ zu nennen?

Selbst-Reflektion – der Blick nach innen – als Mittler

Wie wäre es, wenn jeder für sich selbst erst einmal überprüft, ob er selbst seinen eigenen Ansprüchen genügen würde?
Beispielsweise dadurch, dass ich selbst für mich überprüfe, ob ich selbst so lebe, wie ich es gerne hätte und wenn das nicht der Fall ist, was die Hinderungsgründe dafür sind.

Würde ich Menschen wie mir selbst in meiner idealen Welt gerne begegnen wollen?
Oder wäre ich selbst in meinen eigenen Augen eher jemand, dem ich selbst ungerne begegnen würde?
Beispielsweise dadurch, dass ich selbst für mich überprüfe, ob ich selbst gerne in der Form, in der ich andere behandle, gerne behandelt werden würde.
Würde meine eigene Behandlung mir selbst gut tun?

Macht ein Dialog, ein Austausch mit mir Spaß?
Oder ist es eher ein mühsames Unterfangen mit vielen Missverständnissen und von Unlust durchzogen?
Beispielsweise dadurch, dass ich selbst für mich überprüfe, wie ich selbst den Kommentar, den ich jemand anderem schreibe, empfinden würde, wenn er an mich gerichtet wäre.
Und würde ich selbst meinen eigenen Kommentar verstehen, wenn ich nicht ich mit meinem Erfahrungsschatz wäre?

Welchen Anteil von oder in mir verurteile ich?
Was erlaube ich mir selbst nicht zu sein?

Denn für alles, was ich mir selbst nicht zugestehe, gibt es eine Entsprechung im Außen, im Großen, im Ganzen, die mir exakt das aufzeigt.

So wenn ich „die diktatorischen Züge von Putin/Trump/…“ verurteile, gibt es vermutlich in mir etwas, das den inneren Diktator, der alles besser weiß und der davon überzeugt ist „wenn alle nach seiner Pfeife tanzen würden, würde die Welt besser aussehen“ keinen Raum bekommt und/oder alternativ unbewusst machtausübend an Schwächeren ausgelebt wird bzw. auf noch perfidereArt und Weise ausgelebt wird, nämlich sich über andere stellend und ihnen „Hilfe“ anbietend.

Fazit

Ideologien finden – der Argumentation folgend – nur einen Nährboden, wenn dieser durch Erziehung bereitet wurde, und da wir die Zeit nicht zurückdrehen können, gibt es nur die Möglichkeit, sich dessen jetzt, hier und heute bewusst zu werden, um

  1. Den „Erziehungsfehler“ nicht wieder und wieder weiter zu geben
  2. Immer und immer wieder Selbst-Reflexion zu betreiben, um sich selbst und seiner Handlungsweisen bewusst zu werden
  3. Andere bei ihrer Selbst-Reflexion zu unterstützen, denn der Splitter im Auge des anderen wird leichter erkannt als der Pfahl im eigenen Auge.

Wenn wir es also schaffen, über Dialoge einander zu unterstützen, die Splitter zu erkennen und gleichzeitig dabei eine Übereinkunft, eine Einigung erzielen können, wären wir dem, was wir alle uns wünschen – vermute ich – einen großen Schritt nähergekommen, oder nicht?

Ist das nachvollziehbar und schlüssig, oder erkennt jemand Splitter, die ich beim Schreiben dieses Textes nicht erkannt habe?

„Man fand, dass der Mensch neurotisch wird, weil er das Maß von Versagung nicht ertragen kann, dass ihm die Gesellschaft im Dienste ihrer kulturellen Ideale auferlegt, und man schloss daraus, dass es eine Rückkehr zu Glücksmöglichkeiten bedeutete, wenn diese Anforderungen aufgehoben oder sehr herabgesetzt würden.“
(Sigmund Freud, „Das Unbehagen in der Kultur“, S. 43)

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